Das Thema Beinlängendifferenz begegnet uns in der physiotherapeutischen Praxis immer wieder. Oft eher beiläufig, manchmal sehr präsent. In den letzten Monaten hatten wir mehrere Patientinnen und Patienten, bei denen genau diese Frage im Raum stand: Macht der Längenunterschied Probleme – und wenn ja, was ist der richtige Umgang damit?
Zunächst ist wichtig zu verstehen, dass nicht jede Beinlängendifferenz automatisch behandelt werden muss. Der Körper ist anpassungsfähig. Viele Menschen leben jahrelang, manchmal ein Leben lang, mit einem kleinen Unterschied, ohne Beschwerden zu entwickeln. Entscheidend ist nicht allein die Zahl, sondern die Wirkung.
Ein häufig genannter Referenzwert liegt bei etwa einem Zentimeter. Ab dieser Größenordnung kann eine Beinlängendifferenz relevant werden – muss es aber nicht. Und sie muss vor allem echt sein.
Inhaltsverzeichnis
Echte oder funktionelle Beinlängendifferenz
Von einer echten Beinlängendifferenz spricht man, wenn ein Bein tatsächlich knöchern kürzer ist als das andere. Das lässt sich zuverlässig nur durch bildgebende Verfahren oder eine exakte knöcherne Messung feststellen. Der bloße Eindruck von außen reicht dafür nicht aus.
Demgegenüber gibt es funktionelle Unterschiede. Ein verdrehtes oder verschobenes Becken, muskuläre Spannungen oder asymmetrische Bewegungsmuster können dazu führen, dass ein Bein scheinbar kürzer wirkt, obwohl die Knochen gleich lang sind. In solchen Fällen liegt die Ursache nicht im Bein selbst, sondern in der umgebenden Struktur – und sollte auch dort behandelt werden.
Eine einfache Orientierung für zu Hause
Eine grobe Selbsteinschätzung ist möglich, ersetzt aber keine fachliche Abklärung. Im Sitzen können Sie mit beiden Händen links und rechts an die Beckenkante gehen. Suchen Sie unterhalb der Rippen den nächsten tastbaren Knochenpunkt. Dieser sollte links und rechts auf gleicher Höhe liegen. Dasselbe können Sie im Stand wiederholen. Auch hier sollten beide Seiten gleich hoch sein.
Ein Zentimeter ist mit bloßem Auge nicht immer leicht zu erkennen. Es kann hilfreich sein, eine zweite Person um Unterstützung zu bitten. Die Hände werden dabei jeweils auf den höchsten tastbaren Punkt der Beckenkämme gelegt und die Höhe verglichen. Diese Methode gibt Hinweise, ist aber keine Diagnose.
Wann Einlagen sinnvoll sind
Besteht eine echte Beinlängendifferenz von mehr als einem Zentimeter, werden häufig Einlagen empfohlen. Vor allem dann, wenn Beschwerden auftreten: Rückenschmerzen, Hüft- oder Knieschmerzen, ein deutlich schräges Gangbild oder ein Gefühl von Instabilität.
Ein Beispiel aus der Praxis zeigt, wie unterschiedlich der Umgang sein kann. Eine Patientin mit etwa einem Zentimeter Beinlängendifferenz erhielt Einlagen und berichtete danach über deutlich weniger Schmerzen und eine bessere Gehstrecke. In ihrem Fall war die Korrektur sinnvoll und entlastend.
Ein anderer Fall war deutlich komplexer. Ein Patient hatte bereits vor einer Knieoperation rechts eine Verkürzung von rund eineinhalb Zentimetern und trug dafür Einlagen. Nach dem Einsatz eines neuen Kniegelenks auf der linken Seite vergrößerte sich der Unterschied auf rund drei Zentimeter. Solche Ausprägungen sind selten, da bei Operationen in der Regel versucht wird, die Beinlänge auszugleichen. Hier war eine erneute, sehr individuelle Anpassung notwendig.
Nicht alles korrigieren – manchmal ist weniger mehr
Ein besonders eindrückliches Beispiel war eine ältere Patientin, die im hohen Alter eine Hüftoperation erhielt. Die bestehende Beinlängendifferenz wurde dabei bewusst nicht vollständig ausgeglichen, sondern nur teilweise. Eine komplette Korrektur hätte für ihren Körper eine zu große Umstellung bedeutet. In ihrem Fall war es sinnvoller, einen Restunterschied zu belassen, den ihr Körper bereits seit Jahrzehnten kannte.
Das zeigt deutlich: Es gibt keine pauschale Lösung. Manche Menschen kompensieren eine Beinlängendifferenz seit der Kindheit problemlos. Andere entwickeln bei kleineren Unterschieden bereits Beschwerden. Entscheidend ist, wie der Körper damit umgeht – nicht nur, wie groß der Unterschied ist.
Unsere Haltung in der Physiotherapie
In der physiotherapeutischen Arbeit betrachten wir Beinlängendifferenzen immer im Gesamtkontext. Wir schauen auf das Gangbild, die Haltung, die Belastungsverteilung und die individuellen Beschwerden. Einlagen können sehr sinnvoll sein – müssen es aber nicht immer. Genauso wichtig ist die Frage, ob eine funktionelle Ursache vorliegt, die sich durch gezielte Therapie beeinflussen lässt.
Ziel ist nicht, jeden Unterschied zwanghaft auszugleichen, sondern eine Lösung zu finden, mit der der Körper möglichst gut, schmerzfrei und effizient arbeiten kann. Manchmal bedeutet das Korrektur. Manchmal bedeutet es, bewusst nichts zu verändern.
Wenn Sie unsicher sind, ob eine Beinlängendifferenz bei Ihnen eine Rolle spielt, lohnt sich eine fachliche Einschätzung. Oft bringt schon eine ruhige Einordnung Klarheit – und die Sicherheit, den für Sie passenden Weg zu wählen.
