Die Wichtigkeit der Hamstrings für das Knie

In letzter Zeit sehen wir in der Praxis vermehrt ein bestimmtes Muster bei Kniebeschwerden. Viele Patientinnen und Patienten berichten über eine Spannung auf der hinteren Seite des Knies. Häufig betrifft das die Hamstrings, also die Muskelgruppe auf der Rückseite des Oberschenkels. Diese Spannung kann dazu führen, dass sich das Knie nicht mehr vollständig und frei strecken lässt.

Das Knie funktioniert nämlich etwas komplexer, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Für die letzte Phase der Streckung, die sogenannte Schlussstreckung, braucht das Gelenk eine kleine Rotation: Der Unterschenkel dreht sich dabei leicht nach außen. Diese Bewegung ist ganz normal und gehört zur anatomisch gesunden Funktion des Knies.

Wenn jedoch zu viel Spannung auf der Rückseite des Knies vorhanden ist – insbesondere in den Hamstrings – kann diese Rotation gestört werden. Das Knie bleibt dann oft minimal gebeugt. Diese kleine Restbeugung fällt im Alltag kaum auf, führt aber dazu, dass bestimmte Strukturen im Knie stärker belastet werden als vorgesehen.

Nicht nur die Streckung kann betroffen sein

Die Spannung auf der Rückseite des Knies beeinflusst jedoch nicht nur die Streckung. Häufig beobachten wir auch das Gegenteil: Die Beugung im Knie wird ebenfalls eingeschränkt.

Viele Patientinnen und Patienten beschreiben dabei ein Druckgefühl hinten in der Kniekehle. Manchmal entsteht der Eindruck, als würde etwas im Gelenk blockieren. Das Knie lässt sich dann zwar noch bewegen, aber die Bewegung fühlt sich nicht mehr frei oder rund an.

Dieses Gefühl einer „Blockade“ ist in vielen Fällen keine echte mechanische Blockierung im Gelenk, sondern entsteht durch die hohe Spannung in den Muskeln und Strukturen der Kniekehle. Wenn die Hamstrings oder auch der kleine Muskel in der Kniekehle zu stark unter Spannung stehen, wird der Raum in diesem Bereich enger und die Bewegung fühlt sich deutlich eingeschränkt an.

Der Popliteus – ein kleiner, aber wichtiger Muskel

Neben den Hamstrings spielt auch ein kleiner Muskel eine Rolle, der vielen Menschen unbekannt ist: der Musculus popliteus.

Er liegt tief in der Kniekehle und verbindet den Oberschenkelknochen mit dem Schienbein. Seine Aufgabe besteht unter anderem darin, die Rotation im Knie zu steuern und das Gelenk aus der vollständigen Streckung wieder „zu lösen“. Man könnte sagen, er hilft dem Knie dabei, die Bewegung sauber zu koordinieren.

Wenn auch hier zu viel Spannung entsteht, kann das Zusammenspiel der Bewegungen im Knie weiter gestört werden.

Typische Beschwerden auf der Innenseite des Knies

Viele Patientinnen und Patienten beschreiben ihre Beschwerden relativ ähnlich. Häufig entsteht eine ziehende Spannung auf der Innenseite des Knies, die von unten oder von der Mitte her unter das Knie zieht.

An dieser Stelle befindet sich die sogenannte Pes-anserinus-Region. Dort setzen mehrere Muskeln gemeinsam an – darunter auch Teile der Hamstrings. Wenn diese Muskeln dauerhaft unter Spannung stehen, kann genau in diesem Bereich eine Überlastung entstehen.

Die andere Seite: der Bizeps femoris

Ein weiterer Teil der Hamstrings ist der Bizeps femoris, der eher auf der Außenseite des Knies ansetzt. Dieser Muskel spielt oft eine Rolle, wenn Beschwerden nicht nur vom Knie selbst kommen, sondern aus anderen Bereichen weitergeleitet werden.

Besonders häufig sehen wir Zusammenhänge mit:

  • Beckenverschiebungen
  • einem ausgeprägten Hohlkreuz
  • Spannungen aus dem unteren Rücken
  • oder sogenannten ISG-Problemen (Beschwerden im Bereich des Iliosakralgelenks)

Der Bizeps femoris überträgt seine Spannung bis zum Wadenbein (Fibula). Dieses steht wiederum über Bänder und Gelenke mit dem Sprunggelenk in Verbindung. Dadurch zeigt sich, wie stark das Knie in verschiedene Strukturen des Körpers eingebunden ist.

Auch der Fuß kann eine Rolle spielen

Manchmal kommt die Ursache sogar von weiter unten. Wenn das obere Sprunggelenk nicht gut beweglich ist, verändert sich die Bewegungsübertragung nach oben. Diese Veränderungen können sich über die Wadenmuskulatur und die Hamstrings bis ins Knie fortsetzen.

Das Knie ist also kein isoliertes Gelenk – es steht immer im Zusammenhang mit Hüfte, Becken, Rücken und auch dem Fuß.

Warum wir diese Probleme immer häufiger sehen

Ein wichtiger Faktor, den wir immer wieder beobachten, ist schlicht zu wenig Nutzung der Hamstrings im Alltag.

Viele Menschen sitzen heute sehr viel. In unserer Praxis sehen wir beispielsweise häufig:

  • Personen mit überwiegender Bürotätigkeit
  • Menschen mit langen Autofahrten im Berufsalltag
  • oder Berufe, bei denen täglich viele Stunden im Sitzen verbracht werden

Ich erinnere mich an einen Patienten, der als Monteur in der ganzen Schweiz unterwegs war und täglich sehr lange Strecken fahren musste. Die hintere Oberschenkelmuskulatur wird in solchen Situationen kaum aktiv eingesetzt und verliert mit der Zeit an funktioneller Belastbarkeit.

Die Folge ist häufig nicht unbedingt Schwäche, sondern eher dauerhafte Spannung und eingeschränkte Beweglichkeit.

Das Knie ist Teil eines größeren Systems

Wenn wir über Kniebeschwerden sprechen, lohnt es sich deshalb oft, etwas weiter zu schauen.

Die Hamstrings verbinden:

  • Rücken und Becken
  • Hüfte und Knie
  • sowie über das Wadenbein auch das Sprunggelenk

Sie sind damit ein wichtiger Teil der Bewegungskette.

Wenn Spannung, Beweglichkeit oder Belastung in diesem System nicht mehr gut zusammenspielen, kann sich das sehr unterschiedlich im Knie bemerkbar machen.

Gerade deshalb lohnt es sich bei Beschwerden im Knie auch an die Hamstrings und ihre Rolle im gesamten Bewegungssystem zu denken.